Objekt des Monats: Vase, Steinzeug, freigedreht, um 1940
Objekt des Monats: Vase, Steinzeug, freigedreht, um 1940
Die Vase aus der Keramischen Werkstatt Otto Lindig folgt dem klassischen Formenvokabular und lässt Bezüge zur traditionellen thüringischen Keramik erkennen.
Im unteren Bereich stark verjüngt öffnet sich über einem aufgewölbtem Standring nach oben konisch die auf der Scheibe gedrehte runde Form zu einem Oval. Der Vasenhals mit weiter Öffnung und schmaler Schulter schließt mit dem für Thüringen typisch auskragenden Rand ab.
Die Herstellung und den Brand der Glasur besorgte Otto Lindig (1895-1966) selbst. Dabei galt er als experimentierfreudig bei der Wahl der Zusätze bis zu der der Verwendung von Mehrschichtglasuren. Teilweise ‚aquarellartige Verläufe‘ (Jakobson) bestimmen das optische Erscheinungsbild des Gefäßes. Otto Lindig erinnerte sich: ‚Die stets wiederkehrende, immer wieder neue Spannung vor dem zu öffnenden Ofen gilt doch vor allem dem Glasurausfall‘. Die haptische Wirkung der Überlaufglasur wird noch durch die kraterähnlichen geplatzten Blasen im Mittelteil der Vase gesteigert.
Die Werkstatt Krehan produzierte seit dem 19. Jahrhundert in Dornburg an der Saale Töpferwaren für den Hausgebrauch und zählte zu den letzten Familienbetrieben seiner Art, als das Staatliche Bauhaus in Weimar beschloss, Max Krehan (1875-1925) als Werkmeister einzustellen und die Keramische Werkstatt nach Dornburg zu verlegen. Otto Lindig trat unter dem Formmeister Gerhard Marcks (1889-1981) als Geselle ein und übernahm die Leitung 1926, als die Werkstatt vom Nachfolger des Bauhauses, der Staatlichen Hochschule für Handwerk und Baukunst Weimar übernommen wurde. 1930 übernahm er die Töpferei als Pächter. Liebfriede Bernstiel arbeitete seit 1939 in Dornburg bis zur Aufgabe des Betriebs 1946.
Diese seltene Vase aus den späteren Jahren der Töpferei ergänzt den Bestand an Bauhauskeramik aus dem Bestand des Museums für Angewandte Kunst. Sie steht für die Aufnahme von Traditionen einer alten Handwerkskunst wie für das Experiment – in diesem Fall, der Glasur neue Effekte zu entlocken.
Sie konnte von Robert Züblin aus Zürich erworben werden und stammt aus der Bauhaus-Sammlung von Frank Müser. Wir danken dem Entgegenkommen des Händlers sowie für die Unterstützung des Ankaufs durch Mirko Albrecht vom Förderverein des Museums. Die Ankaufsmittel wurden von der Stadt Gera zur Verfügung gestellt.
[Text: Dirk Hoffmann]




